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Bei grandiosem Wetter für einen Marathon habe ich heute bei meinem 12. Marathon eine besondere Premiere gehabt. Zum ersten Mal konnte ich mich auf der zweiten Hälfte steigern. Das heißt, ich hatte einen negativen Split.

Nach einem 2. Platz (2013) im Halbmarathon, einem 1. Platz mit Streckenrekord (2:23:38; 2015) und einem 2. Platz (2016) im Marathon, freute ich mich, auch bei der 20. Jubiläumsausgabe des Oberelbe-Marathons von Königstein nach Dresden dabei sein zu können. Die Strecke ist landschaftlich immer wieder beeindruckend, fordernd und dennoch gut für neue Bestzeiten. Ich verbinde mit dem OEM viele tolle Erinnerungen und bin deshalb Uwe Sonntag und seinem Team sehr dankbar, dass ich auch in diesem Jahr wieder nach Dresden eingeladen wurde. Marc Schulze, mit dem ich mir sowohl in Dresden als auch in Berlin schon das ein oder andere Duell geliefert habe, hatte im Vorfeld verkündet, er wolle meine Streckenrekordzeit knacken.

Bei den tollen Bedingungen war die Versuchung groß, ihm zu folgen, als er mit großen Schritten in Königstein sofort die Führung übernahm – ich entschied mich jedoch dagegen. Ich wollte mich heute von „unten“ meiner gefühlten Leistungsgrenze nähern und das auch erst auf der zweiten Hälfte, so dass ich einen negative Split erreiche. Ein negative Split war mir beim Marathon noch nie zuvor gelungen. Ich machte mir keine Illusionen: Marc würde ich wohl erst im Ziel wieder sehen.‎ Doch an diesem Tag war es mir wichtiger auf meinen Körper zu hören und so neue Erfahrungen zu sammeln.

Es wurde also ein eher einsames Rennen, ohne große Tempojagd – zumindest zunächst. Zum ersten Mal in einem Marathon vertraute ich nicht nur meinem Körpergefühl. Ich lief mit Messung der Herzfrequenz. Ich wollte auf der ersten Hälfte mit einer HF von 80 – 82 Prozent meiner maximalen HF laufen. Das gelang mir sehr gut. An den Steigungen bis Stadt Wehlen und in der Altstadt von Pirna kam ich kurzzeitig zwar bis auf 87 Prozent, aber das glich ich auf den Stücken bergab wieder aus. Die Runde durch die Pirnaer Altstadt war eine willkommene Abwechslung, die dieses Jahr etwas anders gestaltet werden musste. Baustellenfahrzeuge waren im Einsatz und so wurde der Abschnitt etwas länger. Im Ziel waren es nach meiner GPS-Uhr dann wohl etwas mehr als 42,5 km. Das erschwerte Marc natürlich die Rekordjagd.‎ Er lag zu diesem Zeitpunkt gut im Rennen und hatte seinen Vorsprung auf fast 4 Minuten vor mir ausgebaut. Ich konzentrierte mich jedoch ganz auf mich.

So erreichte ich das erste Teilziel: gut gelaunt lief ich über die Halbmarathonmarke nach 1:16 Stunden mit einer durchschnittlichen HF von genau 82 Prozent. Inzwischen war die Temperatur von ca. 5 Grad am Start schon auf bestimmt 10 Grad oder mehr geklettert. Nach den anfänglich schattigen Passagen kam die Sonne mit ihrer Kraft mehr zu Geltung. Deshalb trank ich nun noch ein wenig mehr als auf den ersten Kilometern und nahm mir sogar eine Flasche für die nächsten Kilometer mit. Insgesamt waren die Bedingungen jedoch immer noch ausgezeichnet, auch wenn der Wind bei einigen Elbbiegungen von vorne entgegen drückte.

Bis ca Kilometer 32 lief ich nun mit einer HF von rund 85 Prozent. Dabei achtete ich nun nicht mehr so sehr auf die HF, sondern eher darauf, dass ich die sehr exakt markierten Kilometerabschnitte‎ in jeweils 3:30 min durchlief. Eine gewisse Ermüdung war nun zu spüren, doch meine Beine fühlten sich noch noch sehr gut an und ich hatte noch etwas Luft! Das kam mir alles sehr entgegen. Genauso wie die kleinen „Stimmungsnester“ an der Strecke. Trommelgruppen, die ich auch vom Berlin Marathon kenne, sorgten für Stimmung. Die Zuschauer feuerten mich herzlich an und wollten mich dazu motivieren, Marc noch einzuholen. Marc lag jedoch immer noch fast einen km voraus und würde sich den Sieg nicht mehr nehmen lassen. Dennoch kam ich ihm näher.

Das „blaue Wunder“ war endlich in Sicht. Anders als bei meinen bisherigen Marathonläufen an der Elbe, an der Isar, am Arno, am Finowkanal, am Bodensee, am Main, am Maschsee, an der Spree oder am Brocken, konnte ich heute nun nochmal zulegen. Dabei stieg die HF bis auf 90 Prozent an – das war nun in Ordnung und ich nahm die Anstrengung nun sowieso ganz anders wahr. Eine Belastung mit 90 Prozent der maximalen HF im Training ist eine „Mördereinheit“ – gleichzusetzen mit einem 10km Lauf am Limit. Nach über 32km schüttet der Körper allerdings nicht nur Adrenalin, sondern auch andere Botenstoffe aus (da bin ich aber kein Experte). Auf jeden Fall hat es sich heute toll angefühlt, dass ich noch die Kraft hatte, die letzten 10km aufzudrehen und in rund 34 min ins Ziel zu fliegen.

So ist es mir gelungen, dass ich die zweite Hälfte in ca 1:13 Stunden gelaufen bin. Dass ich diesen negativen Split geschafft habe, bedeutet mir sehr viel. Es zeigt, dass ich mir meine Energie gut eingeteilt und mein Können nicht überschätzt habe. Ich lief nach 2:29:34 Stunden ins Ziel ein, wo Marc schon auf mich wartete. Er war gute 3:30 Minuten vor mir angekommen und begrüßte mich mit den Worten: „ich hab es nicht geschafft, dein Rekord steht noch!“ Auch wenn Marc heute klar der Stärkere gewesen ist, erkennt er meine Leistung von 2015 an. Das finde ich sehr fair. Ich freue mich auf das nächste Duell gegen ihn. Es sieht so aus, dass wir schon in drei Wochen beim Rennsteiglauf um 6 Uhr in Eisenach gemeinsam am Start zum Supermarathon stehen werden. Da wird sich zeigen, wer auf dieser Ultradistanz der bessere Läufer von uns sein wird.

Zum heutigen Sieg gratuliere ich Marc. Er hat meinen Respekt, weil er meinen Rekord im Alleingang angegangen ist und trotz Problemen und „Hindernissen“ in Pirna das Rennen souverän beenden konnte.

Ich möchte noch jemand anderem gratulieren. Nach 3:57 Stunden kam Verena Bentele, die mehrfache Paralympics-Siegerin, zusammen mit ihrem Guide Thomas Mohr  ins Ziel. Es war ihr dritter Marathon. Für sie ist das eine tolle Leistung, die nicht hoch genug einzuschätzen ist, wenn man bedenkt, dass Verena für jeden Trainingslauf Unterstützung benötigt und auch dann jeder Schritt ins Unbekannte geht. Ich freue mich sehr darüber, dass ich sie kennenlernen durfte und wünsche ihr für den nächsten marathon und die Vorbereitung darauf alles Gute und einfühlsame Guides, so dass auch für sie  das Laufen zum Vergnügen wird.

Mein Ultrateam der LG Nord Berlin war heute übrigens auch sehr gut vertreten. Neben mir kamen mit Heike Bergmann, Bernd Kalinowski und Silke Stutzke drei weitere „Nordler“‎ ins Ziel. Das hat mich besonders gefreut, weil wir uns in Berlin nicht so häufig sehen – zu groß sind die räumlichen Entfernungen und die Unterschiede im Training. Dennoch fühle ich mich nach dem dritten Wettkampf bzw. nach vier Monaten als Teil der Gemeinschaft – das ist mir sehr wichtig!

In diesem Sinne danke ich dem Ultrateam für gute Ratschläge und das wichtige Teamgefühl, Uwe Sonntag und seinem Team für die spitzenmäßige Organisation und die Einladung, ASICS und den ASICS Frontrunnern für Schuhe (heute war ich im windschnittigen GEL-Hyper Tri 3 unterwegs), Bekleidung und ‎zusätzliche Motivation, Sziols und Damm Brillen für die Sportbrille X-Kross, Sport-Block.com für Kompressionsbekleidung für die Regeneration, Wright Socks für die einzigartigen Socken, meiner Physiotherapeutin für Massagen, Vitargo für die zuverlässige Nahrungsunterstützung vor, während und nach dem Wettkampf, dem Team ERDINGER Alkoholfrei für zusätzlichen Support und allen, die mitgefiebert und mich unterstützt haben.

‎Mein Fazit: Marathon ist eine Gratwanderung. Wenn man sich überschätzt oder der Körper eine unbekannte Schwäche zeigt, wird sie zur Qual, weil man nicht weiß, ob bzw. wie man das Ziel erreichen soll. Wenn man auf seine Körpersignale achtet und sich die Kraft richtig einteilt, dann ist der Marathon eine unglaubliche Grenzerfahrung, die man immer wieder erleben möchte.