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Niels Bubel bei seiner WM-Premiere über 50km in Doha (Quatar)

Die 1. Welt­meis­ter­schaft der IAU über 50 Ki­lo­me­ter war ganz klar bis­lang mein sport­li­cher Hö­he­punkt. Schon al­leine meine Pre­miere im Na­tio­nal­tri­kot war et­was ganz Be­son­de­res. Da­mit ging für mich ein über lange Zeit ver­folg­ter Traum in Er­fül­lung. Für die­sen Mo­ment habe ich viele Jahre trai­niert. Doch auch aus sport­li­cher Sicht nimmt mein Ren­nen in Doha, der Haupt­stadt des Lan­des Ka­tar am per­si­schen Golf, eine Aus­nah­me­stel­lung ein.

Nach­dem ich Ende Fe­bruar bei der Deut­schen 50km Meis­ter­schaft in Mar­burg, die vom Deut­schen Leichtathletik-Verband (DLV) ge­setzte Qua­li­fi­ka­ti­ons­zeit für die Teil­nahme an der WM von 3:00:00 Std. deut­lich un­ter­bo­ten hatte, stand fest, dass ich noch im sel­ben Jahr zum ers­ten Mal an ei­ner WM teil­neh­men würde. Mehr als acht Mo­nate Vor­be­rei­t­ung­auf den 4. De­zem­ber stan­den zur Ver­fü­gung und wur­den von mir mit al­len Hö­hen und Tie­fen durchlebt.

Bei der Ge­ne­ral­probe im nie­der­län­di­schen Win­scho­ten musste ich im Sep­tem­ber noch mit an­füh­len, wie hart es ist, wenn man zu Be­ginn des Ren­nens von der Kon­kur­renz zu ei­nem zu ho­hen Tempo ver­lei­tet wird. Mein Trai­ner Volk­mar Scholz ver­suchte, mich im­mer wie­der zu brem­sen. Je­der Ul­tra­ma­ra­thon­lauf be­ginnt erst an der Stelle, wo der Ma­ra­thon sei­nen Ziel­strich hat und das ist auch das Be­son­dere. Der Un­ter­schied zwi­schen 42,195 und 50km ist nach mei­nen bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen zu­min­dest ge­fühlt deut­lich grö­ßer als die Dif­fe­renz der Stre­cken­län­gen. Die Kunst ist die rich­tige Wahl der Lauf­ge­schwin­dig­keit. Ge­rade in Doha war es die größte Schwie­rig­keit das Renn­tempo in Ab­hän­gig­keit der ei­ge­nen Leis­tungs­fä­hig­keit un­ter den dort herr­schen­den Be­din­gun­gen vor dem Ren­nen mög­lichst ge­nau abzustimmen.

Ich hatte mich von der An­reise und der Zeit­um­stel­lung von zwei Stun­den Dank des Di­rekt­flu­ges, der rei­bungs­lo­sen Or­ga­ni­sa­tion des ört­li­chen Aus­rich­ters, der As­pire Zone, und der ein­ma­li­gen Un­ter­kunft im Ho­tel “The Torch Doha” schnell er­holt. Al­ler­dings konnte ich mich in­ner­halb von drei Ta­gen nicht an das feucht-warme Wet­ter ge­wöh­nen. Bei den Ak­kli­ma­ti­sa­ti­ons­läu­fen stellte ich fest, dass meine Herz­fre­quenz spä­tes­tens nach 30 Mi­nu­ten deut­lich an­stieg. Da der DLV lei­der nur die Flug-Kosten für mich als Ath­let über­nahm, musste mein Trai­ner in Ber­lin blei­ben. In zahl­rei­chen Te­le­fo­na­ten stimm­ten wir uns ab und wähl­ten eine de­fen­sive Renneinteilung.

Am Renn­tag stieg die Span­nung im­mer mehr. Ich hatte mich so gut wie mög­lich vor­be­rei­tet und war in ei­ner sehr gu­ten Form. Den­noch wusste ich, dass die Wett­kampf­ge­schwin­dig­keit deut­lich lang­sa­mer als der Ki­lo­me­ter­schnitt mei­ner Best­zeit sein würde. Es wa­ren am Mit­tag 28 Grad im Schat­ten als ich die Trink­fla­schen vor­be­rei­tete. Ins­ge­samt hatte ich ein­ge­plant rund vier Li­ter koh­len­hy­drat­hal­tige Flüs­sig­keit wäh­rend des Ren­nens zu mir zu neh­men. In Ge­dan­ken ging ich den Renn­ver­lauf durch. Die In­for­ma­tio­nen und Er­fah­run­gen, die der Ul­tra­ma­ra­thon­be­ra­ter des DLV, Nor­bert Ma­dry, und die Ath­le­ten, die im letz­ten Jahr in Doha be­reits 50 bzw. 100 Ki­lo­me­ter ge­lau­fen wa­ren, ge­sam­melt hat­ten, hal­fen mir vor­ge­warnt zu sein. Den­noch wusste ich nicht, wie leis­tungs­fä­hig mein Kör­per un­ter die­sen Be­din­gun­gen sein würde.

Der Start­schuss fiel um 18 Uhr. Die Sonne war in­zwi­schen schon un­ter­ge­gan­gen. Da­für wehte ein kräf­ti­ger und war­mer Wind. Es wa­ren 24 Grad und gleich­zei­tig war es sehr feucht. Be­reits nach ei­nem Ki­lo­me­ter war die Spit­zen­gruppe ca. 150 Me­ter ent­eilt. Da­bei war ich schnel­ler an­ge­lau­fen als ge­plant. Da­mit, dass die Kon­kur­renz so schnell an­lau­fen würde, hatte ich nicht ge­rech­net. So be­fand ich mich nach ei­ner Runde in der Re­gion von Platz 30 von 43 Män­nern, die ge­star­tet wa­ren. Mit 18:29 Mi­nu­ten passte die erste Runde sehr gut zur Vor­gabe mei­nes Trai­ners, der eine Zeit von 3:05 Stun­den für rea­lis­tisch hielt. Nach­dem ich nun die rich­tige Ge­schwin­dig­keit ge­fun­den hatte, wollte ich in Runde zwei mei­nen ei­ge­nen Rhyth­mus fin­den. Von nun an ori­en­tierte ich mich nicht mehr an an­de­ren Läu­fern, son­dern machte mein ei­ge­nes Ren­nen. Die ein­zel­nen Renn­ab­schnitte un­ter­schie­den sich sehr. Mal ging es leicht berg­auf, mal leicht bergab. Dazu kam der im­mer kräf­ti­ger wer­dende Wind, über weite Teile von vorne und ge­fühlt viel sel­te­ner von hin­ten. Au­ßer­dem un­ter­bra­chen pro Runde fünf scharfe Kur­ven bzw. U-Turns den Schritt. Ich kam al­leine gut zu­recht, ohne die Hand­bremse der ers­ten Runde be­en­dete ich die zweite in 18:15 Mi­nu­ten. Ich traute mir zu, die­ses Tempo zu hal­ten, musste nur Ruhe be­wah­ren und dar­auf ver­trauen, dass die Kon­kur­ren­ten sich überschätzten.

Bis Ki­lo­me­ter 30 machte ich je­doch kaum Plätze gut, fühlte mich her­vor­ra­gend und es lief al­les rei­bungs­los. Meine Freun­din ver­sorgte mich mit den Ge­trän­ke­fla­schen. Zu­sätz­lich hielt ich meine Mütze feucht und schüt­tete auch et­was Was­ser auf meine Schul­tern und den Na­cken. Das Tempo war nun sehr kon­stant. Die Run­den vier bis sechs ab­sol­vierte ich zwi­schen 18:00 und 18:16 Mi­nu­ten. Ei­nige Läu­fer hatte ich in­zwi­schen über­holt, ei­nige wa­ren auch aus­ge­stie­gen. Die große Spit­zen­gruppe aus den US-Amerikanern, Ke­nia­nern und den Läu­fern aus Zim­babwe, den Nie­der­lan­den, Ir­land, Ka­nada und Groß­bri­tan­nien war zer­fal­len. Wie auch beim Ma­ra­thon be­ginnt der rich­tige Wett­kampf über 50 Ki­lo­me­ter erst ab Ki­lo­me­ter 35. Die ent­schei­dende Phase und die mög­li­che Lei­dens­zeit ist im zwei­ten Fall da­mit aber na­hezu dop­pelt so lang. Da ich aber in der ers­ten Phase al­les rich­tig ge­macht hatte, konnte ich im Ver­gleich zu den Läu­fern vor mir nun end­lich Bo­den gut ma­chen. Mit Run­den­zei­ten von 18:07 und 18:37 Mi­nu­ten hin zu den 40 Ki­lo­me­tern, konnte ich die Run­den­vor­ga­ben hal­ten und die Ori­en­tie­rung an die an­vi­sierte End­zeit. Denn nun Be­gann auch für mich der Kampf ge­gen die Er­mü­dung, auch wenn keine Be­schwer­den vor­la­gen, wur­den die Schritte müh­sa­mer. Umso mo­ti­vie­ren­der war es, als ich wei­tere Kon­kur­ren­ten über­ho­len konnte, dar­un­ter war auch der Jah­res­schnellste aus den USA, Za­chary Or­nelas. Nach wei­te­ren 19:04 Mi­nu­ten lief ich zum vor­letz­ten Mal durch das Start– und Zieltor.

Auf der gro­ßen Lein­wand, auf der die ers­ten zehn Frauen und Män­ner an­ge­zeigt wur­den, stand zum ers­ten Mal mein Name: Ich lag auf Po­si­tion zehn. Ei­nen wei­te­ren US-Amerikaner konnte ich noch über­ho­len, der nicht weit ent­fernt war, das war mein Ziel für die letzte Runde. Bei Ki­lo­me­ter 47 hatte ich ihn ein­ge­holt und lief di­rekt an ihm vor­bei. Nun war ich mir si­cher, dass ich auch das Ziel er­rei­chen würde. Die Zeit spielte nun über­haupt keine Rolle mehr, die An­stren­gun­gen des Ren­nens schlu­gen in große Zu­frie­den­heit um und ich musste meine Kon­zen­tra­tion be­wah­ren, um die letz­ten Me­ter platz­si­chernd zu lau­fen. Noch ein­mal am Ver­pfle­gungs­stand vor­bei und dann lag die Ziel­ge­rade vor mir. Ich konnte es kaum glau­ben, bei mei­ner Pre­miere im Na­tio­nal­tri­kot kam ich als neun­ter ins Ziel und er­füllte mir da­mit ei­nen rie­si­gen Traum. Die letzte Runde ab­sol­vierte ich in 20:05 Mi­nu­ten, die ge­samte Dis­tanz in 3:05:13 Stunden.

Ich danke all den­je­ni­gen, die mich auf mei­nem bis­he­ri­gen Weg als Lang­stre­cken­läu­fer un­ter­stützt ha­ben. Al­len voran sind das mein Trai­ner, meine Trai­nings­part­ner von un­se­rem Ver­ein „Die Lauf­part­ner“ und meine Fa­mi­lie. Sie alle und viele mehr ha­ben in Deutsch­land mit­ge­fie­bert und mir das Ge­fühl ge­ge­ben, dass ich et­was ganz Be­son­de­res er­reicht habe. Die­ser Er­folg soll aber nicht mein letz­ter sport­li­cher Hö­he­punkt in mei­nem Le­ben blei­ben. Ich sehe mei­nen neun­ten Platz in Doha als wert­volle Er­fah­rung an, die mich ei­ner neuen Her­aus­for­de­rung ei­nen Schritt nä­her ge­bracht hat: Denn mein Herz schlägt auch für die 100 Kilometer-Distanz!