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Der Frankfurt-Marathon sollte meine Generalprobe für den Start bei der 50km-Weltmeisterschaft am 11. November in Doha sein. Doch es wurde viel mehr als eine Generalprobe. Am Ende musste ich alles geben: Meine Entschlossenheit und meine Schmerztoleranz waren total gefordert. Doch gleichzeitig habe ich so vieles gewonnen und am Ende war ich völlig elektrisiert von all der Euphorie. Dies habe ich einer ganz besonderen Läuferin, einer ganz besonderen ASICS Frontrunnerin zu verdanken: Tinka Uphoff. Dies ist der Bericht eines Hasen.

Nach zwei Siegen mit der Männer-Staffel der ASICS Frontrunner wollte ich dieses Jahr am Main zum ersten Mal den kompletten Marathon bewältigen. Da mich aber der DLV für die Weltmeisterschaften über 50km, die am 11. November in Doha ausgetragen werden, nominiert hatte, war für mich klar, dass ich diesen Marathon nicht voll laufen sollte. Dadurch kam ich auf die Idee, bei dem Lauf gleichzeitig etwas Gutes zu tun und einer Läuferin bei der Tempogestaltung zu unterstützen. So fragte ich Tinka, ob sie sich darüber freuen würde, wenn wir gemeinsam den Marathon liefen und ich ihr Hase sein würde. Wenige Stunden später kam die Antwort per Mail: „Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir Tempo machen könntest!!! Ich setze alles daran, um Richtung Bestzeit zu gehen und kann Deine Unterstützung super gut gebrauchen!“

Je näher der Frankfurt-Marathon rückte, desto mehr freute ich mich. Gleichzeitig stieg die Spannung in mir, denn ich wusste, welche Aufgabe mir bevor stand. Tinka hatte großes Vertrauen in mich gesetzt und das wollte ich auf keinen Fall enttäuschen. Sie hatte das ganze Jahr über jeden Tag aufs Neue für diesen Marathon trainiert – nach der Arbeit am Abend. Weil Tinka beim Hamburg-Marathon in der ersten Jahreshälfte nicht das gewünschte Ergebnis erreicht hatte, sollte es nun in Frankfurt klappen. Es gab nur diese eine Chance für ein Happy-End des sportlichen Jahres für sie. Das konnte ich sehr gut nachempfinden. Und deshalb wurde nicht nur Tinka sondern auch ich am Vortag sehr nervös. Diese gewisse Nervosität ist Voraussetzung für eine außergewöhnliche Leistung, die man erreichen möchte. Ohne sie kann man nicht über sich hinaus wachsen. Und genau das wollte Tinka. Sie träumte von einer Medaille bei der Marathon-DM, die innerhalb des Rennens ausgetragen wurde. Dazu musste sie sich gegen die besten Läuferinnen Deutschlands durchsetzen. Neben den Favoritinnen Fate Tola und Mona Stockhecke hatten auch Veronica Hähnle-Pohl, Julia Galuschka und die Triathletin Anne Haug gemeldet. Es war klar: Für eine Medaille musste auch eine neue Bestzeit her. Die aktuelle Bestzeit stand bei 2:42:06 Stunden, erzielt beim Frankfurt Marathon 2015.

Zusammen mit der Nervosität entstehen meistens auch immer Gedanken des Zweifelns an die eigene Stärke. Am Morgen des Marathon-Tages meine ich diese das eine oder andere Mal auf Tinkas Stirn entdeckt zu haben. Das beunruhigte mich jedoch nicht. Ich war mir ganz sicher, dass Tinka sehr gut vorbereitet war. Es gab keinen Grund zur Besorgnis. Den Ausgang des Marathons würde an diesem Tag in der Endphase vor allem der Kopf bestimmen. Und in dieser Phase würde ich ihr helfen. Doch erstmal mussten wir soweit kommen. Ich durfte das Tempo zu Beginn nicht zu schnell gestalten. Insofern war ich selbst aufgeregter als bei Rennen, die ich für mich alleine bestreite. Spätestens als Tinka mit den letzten Worten ihres Trainers auf den Lauf eingestimmt wurde, kehrte die absolute Entschlossenheit in ihr Gesicht zurück. Kurt Stenzel, der seine Erfahrungen als überaus erfolgreicher Langstreckenläufer in den 1980er und 90er Jahren, im Verein „Spiridon Frankfurt“ weitergibt, gab ihr die letzten Hinweise und betonte, dass Tinka ihr eigenes Rennen machen und nicht auf die Konkurrenz schauen solle. „Das ist so leicht gesagt“, dachte ich mir. Aber es stimmt. Es ist so leicht geschehen, dass man diesen Anfängerfehler begeht und in der ersten Hälfte davon stürmt. Es ist so verführerisch, mit der Masse zu schwimmen. Auch ich habe schon oft diesen Fehler gemacht. Heute war ich für die richtige Geschwindigkeit zuständig und durfte auf keinen Fall ein zu hohes Tempo vorgeben. Wir verständigten uns auf eine Kilometerzeit von 3 Minuten und 48 bis 50 Sekunden.

Auf dem Weg zur Startlinie strahlte uns der blaue Himmel entgegen. Die Sonne streichelte die Haut angenehm, konnte eine leichte Gänsehaut auf dem mit dem dünnen Wettkampftrikot bedeckten Oberkörper nicht verhindern. Es war fast völlig windstill: es waren einfach perfekte Wetterbedingungen für einen Marathon. Fünf Minuten vor dem Start standen Tinka und ich im Startblock, ungefähr in der sechsten oder siebenten Reihe. Die Unruhe war plötzlich wieder da. Die Minuten wollten einfach nicht vergehen. Alle tippelten mit den leichten Wettkampfschuhen auf den Boden wie Pferde mit ihren Hufen. Einige Läuferinnen und Läufer  wünschten sich gegenseitig ein „Gutes Rennen“, andere vermieden den Blickkontakt mit der Konkurrenz. Ich wollte Tinka für das Rennen bestärken, doch wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ein „wir schaffen das“ rutschte mir wohl noch über die Lippen. Dann fiel endlich der Startschuss. Die Masse setzte sich in Bewegung. Vorne stürmten die Afrikaner davon. Das Große Feld folgte dahinter. Wie in einem großen Fluss schwammen Tinka und ich mit. Ich versuchte das Tempo zu vermindern. Das ist allerdings gar nicht so einfach, ohne anderen vor die Füße zu laufen. Und schon kamen wir zu Kilometer 1. „3:39“ zeigte meine Uhr. Also 10 Sekunden zu schnell. Für den ersten Kilometer in dieser Masse ok. Der zweite Kilometer musste jetzt aber passen. Es war schwierig für mich den Rhythmus zu finden: mal ging es rechts mal links um die Bankenhochhäuser von Mainhätten. Zu Tinka fehlte noch der direkte Kontakt, weil immer wieder andere Läufer zwischen uns liefen, die uns überholten. Dann kamen wir zu Kilometer zwei: „3:48“ – perfekt. Auf dem Weg zu Kilometer drei fand ich den richtigen Rhythmus. Und ich fand auch den Kontakt zu Tinka. Sie lief nun direkt oder leicht versetzt hinter mir. Ich versuchte stets die Ideallinie zu wählen, auch wenn dies nicht dem Straßenverlauf entsprach und bedeutete, aus dem Läuferfeld etwas auszuscheren. Wir passierten Kilometer drei: wieder „3:48“ – wunderbar. So konnte es weitergehen. Ich vertraute darauf, dass mein Körper nun das Tempo „angenommen“ hatte. Hinter der nächsten Kurve tauchte der erste Schriftzug auf der Straße auf: „TINKA“ stand dort in großen Lettern mit Kreide gemalt. Ich musste grinsen und freute mich. Tinka hatte es wohl schon entdeckt, bevor ich sie darauf hinweisen konnte. Auch sie freute sich. Später folgten immer wieder tolle Schriftzüge zur Anfeuerung auf der Straße. Es waren aber auch zahlreiche Rufe vom Straßenrand zu hören. Ich bin mir sicher: diese Motivationsfaktoren machen einen großen Unterschied und tragen somit zu einem erfolgreichen Lauf bei.

Mit meinen Gedanken war ich schon wieder bei der nächsten Zwischenzeiten bei Kilometer 4: „3:46“. Ich rief Tinka fast schon erschrocken zu: „zu schnell!“. Sie entgegnete mir: „Nur zwei Sekunden!“. Doch genau das wollte ich verhindern. Der Beginn des Marathons, also die ersten 10 bis 15 Kilometer sollten eher zu langsam als zu schnell sein. Nun waren wir zusammen mit dem ersten Kilometer 12 Sekunden schneller als die untere Zeitgrenze. Ich zog die Handbremse, nur ganz dezent. Das zeigte Wirkung: Kilometer fünf beendeten wir nach 3 Minuten und 51 Sekunden. Das entspannte mich etwas. Doch ich wurde wieder unmerklich schneller. Die nächsten Kilometerabschnitte durchliefen wir zwischen 3:46 und 3:51 Minuten. Bei der zehn Kilometer Marke kamen wir nach insgesamt 37:51 Minuten durch. Alles super. 9 Sekunden schneller als geplant.

Inzwischen fuhr auch Natascha Schmitt auf dem Rennrad in Sichtweite mit. Sie durfte Tinka an den offiziellen Verpflegungspunkten, die alle 5km aufgebaut waren, ihre persönliche Trinkflasche reichen. Auf diese Weise war Tinka perfekt versorgt und konnte auf Zuruf sogar zwischen Wasser, Gel und Cola auswählen. Ein toller Service, der nicht selbstverständlich ist: weder die Genehmigung vom Veranstalter, noch der Einsatz von Natascha, die als Triathletin ihre wichtigen Einheiten an Land und im Wasser auf den Nachmittag und Abend verschob. Nun ging es gefühlt bis zur ersten von zwei Mainüberquerungen bergab. Und tatsächlich: der nächste Kilometer war mit 3:41 Minuten fast so rasant wie der aller erste. Da das aber nun dem Gefälle zu verdanken war, konnten wir den Zeitbonus dankend annehmen. Nun musste ich aber wieder Acht geben, dass wir zum geplanten Tempo zurückkehrten. Gerade nach 45 Minuten ist der Körper auf jeder Ebene „Heißgelaufen“. Beim Marathon und längeren Distanzen muss man dann dagegen steuern, auch wenn es schwer fällt. Und das tat es mir. Zugern wäre ich nun in meinem eigenen Renntempo gelaufen. Ich fragte mich, was wohl bei diesen perfekten Bedingungen für mich möglich wäre. Könnte ich selbst um den Deutschen Meistertitel mitlaufen? Ich überlegte wie sich das Rennen wohl vorne gestalten würde. Nun war ich sehr dankbar dafür, dass ich Tinka’s Tempomacher sein durfte. Das erleichterte mir den Umstand, nicht an der DM teilzunehmen. So hatte ich eine ganz besondere Aufgabe und die war spannend genug, so dass ich mit meinen Gedanken schnell wieder bei unserem Tempo war. Die Kilometer bis zur Halbmarathonmarke waren mit Zeiten zwischen 3:46 und 3:50 Minuten im Sollbereich. Es wehte ein ganz leichter Rückenwind und so „segelten“ wir an der Hälfte der Strecke nach 1:19:38 Stunden vorbei. Die Zeit auf der großen Uhr der Zeitnahme zu lesen, sah fantastisch aus. Würde Tinka heute sogar die 2:40-Stunden-Barriere durchbrechen. Daran wollte ich noch nicht denken. Mir war bewusst, dass Tinka den Schlüsselpunkt bei km 30 überstehen musste. Bis dahin durften wir auf keinen Fall zu schnell werden. Das klappte auch ganz gut: die nächsten drei Kilometer liefen wir alle in 3:48 Minuten. Nun befanden wir uns wieder auf der nördlichen Mainseite. Von der großen Brücke der Bundesstraße konnten wir hinunter Richtung Frankfurt-Höchst in 3:43 Minuten rollen. Nach einer Verpflegungsstation und einem Kilometer in 3:49 Minuten ging es dann leider wieder etwas hoch. Nun bremste Tinka mich das erste Mal etwas. Hatte ich den Anstieg falsch eingeschätzt? Den höchsten Punkt und damit den Kilometer 27 erreichten wir nach 3:54 Minuten. Tinka schien angestrengt zu sein. Fühlten sich ihre Beine schon schwerer als erwartet an? Hatte sie Probleme mit dem Magen? Ich wusste es nicht. Auf dem nächsten Kilometer konnte sie sich in jedem Falle erholen, wenn mein Gefühl überhaupt stimmte. Was zuvor nach oben gelaufen wurde, ging nun wieder bergab. In 3:47 hatten wir nun wieder Kurs auf die Innenstadt genommen. Kurt rief Tinka zu, dass sie locker bleiben solle. Sie wäre super unterwegs. Er fuhr auf dem Rad am Straßenrand einige Meter. Bei Kilometer 25 hatte er uns das erste Mal schon angefeuert. Tinka war in der Tat super unterwegs. Sie lag derzeit auf Platz vier der DM-Wertung. Eine andere Frau war hinter uns weit und breit nicht zu sehen. Würde vorne eine Frau Probleme bekommen, dann könnte sich der Medaillentraum sogar erfüllen. Dazu durfte Tinka selbst keine bekommen. So dachte ich einfach an die neue Bestzeit. Die war sehr real und ich war mir zu diesem Zeitpunkt sehr sicher, dass Tinka diese erreichen würde. Kilometer 29 erreichten wir nach weiteren 3:50 Minuten. Ich motivierte Tinka mit der Aussicht auf die neue Bestzeit. Sie musste jetzt stark sein und versuchen die Schrittlänge wie auch die Schrittfrequenz zu halten, um das Tempo zu halten. Es ging nun auf die lange Gerade: die Mainzer Landstraße. Die nächsten beiden Kilometer waren identisch von der Dauer. Jeweils 3:52 Minuten. Eine Verpflegungszone war auch wieder dabei. Nun versuchte sich Tinka mit Cola zu pushen. Der Körper muss sich daran gewöhnen, dass der Stoffwechsel keine gespeicherten Kohlenhydrate mehr zur Verfügung hat. Das ist besonders hart für den Kopf. Der freut sich dann über den Zucker in der Cola. Bei mir selbst lief es sehr gut. Ich trank alle 5km ein paar Schlucke meines Wettkampfgetränkes, das ich auch in Doha bei der WM zu mir nehmen wollte. Vitargo heißt es und ist ein sehr langkettiges Kohlenhydrat, das vom Körper über einen längeren Zeitraum gleichmäßiger als Cola aufgenommen wird. Für mich war die Energieversorgung in diesem Tempo und bei dieser Distanz kein limitierender Faktor. Ich musste eher darauf achten, dass meine Schritte nicht zu klein wurden und ich dabei verkrampfte. Intuitiv nahm ich nämlich die Schrittlänge von Tinka an. So waren wir im selben Rhythmus unterwegs. Ich hoffte, dass ihr das helfen würde, deshalb kämpfte ich nicht dagegen an.

Nun waren es noch 10km bis zum Ziel, den letzten Kilometer hatten wir in 3:54 Minuten absolviert. Das ist eine verdammt lange Strecke bis zum Ziel, wenn man kämpfen muss. Und das musste Tinka nun. Da gab es keinen Zweifel. Es stand eine neue Bestzeit in Aussicht und so lohnte sich das kämpfen. Ich redete Tinka immer wieder gut zu. Auch Kurt war in der Nähe und motivierte Tinka. Die nächsten beiden Kilometer legten wir in jeweils 3:56 Minuten zurück. Damit war klar, dass die 2:40-Marke heute nicht unterboten werden würde. Tinka war dennoch dabei etwas tolles zu schaffen. Sie hatte trotz einiger Hindernisse das ganze Jahr über viel trainiert. Sie hatte sich für einen Marathon im Herbst entschieden und hatte sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen, auch wenn nicht immer alles Plan verlief. Neben ihrer Arbeit ist das eine grandiose Leistung. Nun war sie dabei das Happy-End des sportlichen Jahres zu verwirklichen. Der Kilometer 35 war nach 3:54 Minuten abgeschlossen. Für den Kopf gab es wieder einen Schluck Cola. Nun war auch die endlos scheinende Mainzer Landstraße geschafft. Nun ging es durch das „Europa-Viertel“ auf die Festhalle zu. Nur leider von der falschen Seite. Wir erreichten Kilometer 36 nach weiteren 3:54 Minuten. Der erste Tiefpunkt war überstanden. Ich hatte das Gefühl, dass Tinka nun wieder etwas besser „rollte“. Wir waren nun wieder zwischen den Wolkenkratzern unterwegs. Immer wieder kamen Windböen von vorne. Ich versuchte mich also groß zu machen, um Tinka möglichst großen Windschatten zu bieten. Gleichzeitig trieb ich sie an, nicht nachzulassen. Und es klappte. Die nächsten zwei Kilometer waren wir ganz konstant mit 3:56 Minuten pro Kilometer unterwegs. Ich wusste, dass Tinka nun alles gab. Da war es toll, dass sie immer wieder von allen Seiten aus angefeuert würde. Und das galt nicht nur für diesen Streckenabschnitt. Ich merkte deutlich, dass Tinkahier zu hause war. Und bald waren wir wirklich „zu hause“. Die Platzierung war gerade völlig egal. Wir hatten Kilometer 39 nach 3:58 Minuten abgehakt. Es ging nun wieder zurück Richtung Festhalle, Richtung Ziel. Wir sammelten nun verstärkt andere Läufer ein und mussten nur noch das unebene Pflaster im Zentrum vor uns. Kilometer 40 beendeten wir nach 3:58 Minuten. Dann ging es wieder auf den Asphalt. Nur noch eine Kurve, nur noch ein Kilometer dann durften wir in die Festhalle einlaufen. Auf die Uhr schaute ich nun nicht mehr.

Zum Freuen war es noch zu früh. Noch war es nicht so weit. Ich war total aufgeregt. Wir sollten es wirklich schaffen. Tinka würde den Marathon mit neuer Bestzeit beenden. Ich war gerührt. Wir waren den ganzen Marathon zusammen gelaufen. Das habe ich so zuvor noch nie erlebt. Ich konnte Tinka zwar helfen, aber ich nahm genauso auch Anteil an dem Kampf gegen sich selbst und gegen die Schwere der Beine. Das berührte mich tief. Bei einem selbst nimmt man das ganz anders war. Im Nachhinein nimmt man diese ganz besonderen Schmerzen ganz anders war. Doch in diesem Fall war ich die ganze Zeit dabei. Vielleicht ist es von außen betrachtet sogar schmerzvoller. Wir waren nun praktisch auf der Zielgeraden und da fing bei mir die Last abzufallen, die ich mit einer gewissen Verantwortung trug. Tinka kämpfte um jeden Meter und um jede Sekunde. Wir liefen zusammen in die dunkle Festhalle ein. Tinka wurde vom Sprecher angekündigt. Die Zuschauer jubelten. Ich ließ Tinka den Vortritt. Der Applaus gebührte ihr. Sie hätte diese Leistung auch ohne mich geschafft. Da bin ich mir ganz sicher. Es wäre vielleicht etwas härter gewesen oder der Weg hätte gefühlt etwas länger gedauert. Ich habe als Tempomacher zwar eine gewisse Sicherheit erzeugt, doch Tinka hatte bereits mit dem Training zuvor bestimmt, ob sie die Bestleistung schaffen würde oder nicht. Und sie hat es geschafft. Nach 2 Stunden 41 Minuten und 35 Sekunden überquerte sie die Ziellinie. Sie belegte den vierten Platz der DM-Wertung und gewann den Titel der Hessischen Meisterin. Doch das Beste aus meiner Sicht: sie konnte ihr gesetztes Ziel erfolgreich erreichen. Die neue Bestzeit steht in meinen Augen nur symbolisch dafür, welche positiven Emotionen einen nach einem Marathon durchströmen. Bei Tinkawaren das in diesem Fall überwältigende, positive Emotionen: die pure Euphorie. Und da ich mitgelitten habe wurde ich nun auch mit diesen Emotionen überschüttet. Das ist so wahnsinnig toll. Die Emotionen sieht man auf den Fotos hinter der Ziellinie sehr deutlich. Dennoch sind sie nur ein Hauch dessen, was ich in dieser Euphorie gefühlt habe. Das ist ein wahres Feuerwerk. Und dafür möchte ich Tinka danken. Sie hat mir ihr Vertrauen geschenkt, wir haben gemeinsam gelitten und am Ende wurden wir beide reich belohnt. Und diese Belohnung ist so wertvoll, dass man sie für mich nicht mit Geld aufwiegen kann.

Tinka ist eine großartige Läuferin, sie gehört zu den besten Marathonläuferinnen Deutschlands. Ich wünsche ihr weitere tolle Marathonerlebnise dieser Art. Sie war näher an der Medaille dran als der zeitliche Abstand dies zum Anschein hat. Wenn Tinka die Geduld aufbringt und sich den Traum erfüllen möchte, dann wird dieser Tag auch kommen. Zugleich ist Tinka jedoch voller Leidenschaft für das Laufen und ich wünsche ihr, dass sie diese Leidenschaft für ihr ganzes Leben bewahrt. Sie beherrscht die Kunst, die Freude, die ihre Leidenschaft beim Laufen erzeugt, an andere weiterzugeben und mit ihnen zu teilen. Auf diese Weise vervielfacht sich die Freude. Ich habe es erlebt und bin sehr dankbar dafür.