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Der Frankfurt-Marathon sollte meine Ge­ne­ral­probe für den Start bei der 50km-Weltmeisterschaft am 11. No­vem­ber in Doha sein. Doch es wurde viel mehr als eine Ge­ne­ral­probe. Am Ende musste ich al­les ge­ben: Meine Ent­schlos­sen­heit und meine Schmerz­to­le­ranz wa­ren to­tal ge­for­dert. Doch gleich­zei­tig habe ich so vie­les ge­won­nen und am Ende war ich völ­lig elek­tri­siert von all der Eu­pho­rie. Dies habe ich ei­ner ganz be­son­de­ren Läu­fe­rin, ei­ner ganz be­son­de­ren ASICS Fron­trun­ne­rin zu ver­dan­ken: Tinka Uphoff. Dies ist der Be­richt ei­nes Hasen.

Nach zwei Sie­gen mit der Männer-Staffel der ASICS Fron­trun­ner wollte ich die­ses Jahr am Main zum ers­ten Mal den kom­plet­ten Ma­ra­thon be­wäl­ti­gen. Da mich aber der DLV für die Welt­meis­ter­schaf­ten über 50km, die am 11. No­vem­ber in Doha aus­ge­tra­gen wer­den, no­mi­niert hatte, war für mich klar, dass ich die­sen Ma­ra­thon nicht voll lau­fen sollte. Da­durch kam ich auf die Idee, bei dem Lauf gleich­zei­tig et­was Gu­tes zu tun und ei­ner Läu­fe­rin bei der Tem­po­ge­stal­tung zu un­ter­stüt­zen. So fragte ich Tinka, ob sie sich dar­über freuen würde, wenn wir ge­mein­sam den Ma­ra­thon lie­fen und ich ihr Hase sein würde. We­nige Stun­den spä­ter kam die Ant­wort per Mail: „Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir Tempo ma­chen könn­test!!! Ich setze al­les daran, um Rich­tung Best­zeit zu ge­hen und kann Deine Un­ter­stüt­zung su­per gut gebrauchen!“

Je nä­her der Frankfurt-Marathon rückte, desto mehr freute ich mich. Gleich­zei­tig stieg die Span­nung in mir, denn ich wusste, wel­che Auf­gabe mir be­vor stand. Tinka hatte gro­ßes Ver­trauen in mich ge­setzt und das wollte ich auf kei­nen Fall ent­täu­schen. Sie hatte das ganze Jahr über je­den Tag aufs Neue für die­sen Ma­ra­thon trai­niert – nach der Ar­beit am Abend. Weil Tinka beim Hamburg-Marathon in der ers­ten Jah­res­hälfte nicht das ge­wünschte Er­geb­nis er­reicht hatte, sollte es nun in Frank­furt klap­pen. Es gab nur diese eine Chance für ein Happy-End des sport­li­chen Jah­res für sie. Das konnte ich sehr gut nach­emp­fin­den. Und des­halb wurde nicht nur Tinka son­dern auch ich am Vor­tag sehr ner­vös. Diese ge­wisse Ner­vo­si­tät ist Vor­aus­set­zung für eine au­ßer­ge­wöhn­li­che Leis­tung, die man er­rei­chen möchte. Ohne sie kann man nicht über sich hin­aus wach­sen. Und ge­nau das wollte Tinka. Sie träumte von ei­ner Me­daille bei der Marathon-DM, die in­ner­halb des Ren­nens aus­ge­tra­gen wurde. Dazu musste sie sich ge­gen die bes­ten Läu­fe­rin­nen Deutsch­lands durch­set­zen. Ne­ben den Fa­vo­ri­tin­nen Fate Tola und Mona Stock­he­cke hat­ten auch Ve­ro­nica Hähnle-Pohl, Ju­lia Ga­luschka und die Tri­ath­le­tin Anne Haug ge­mel­det. Es war klar: Für eine Me­daille musste auch eine neue Best­zeit her. Die ak­tu­elle Best­zeit stand bei 2:42:06 Stun­den, er­zielt beim Frank­furt Ma­ra­thon 2015.

Zu­sam­men mit der Ner­vo­si­tät ent­ste­hen meis­tens auch im­mer Ge­dan­ken des Zwei­felns an die ei­gene Stärke. Am Mor­gen des Marathon-Tages meine ich diese das eine oder an­dere Mal auf Tin­kas Stirn ent­deckt zu ha­ben. Das be­un­ru­higte mich je­doch nicht. Ich war mir ganz si­cher, dass Tinka sehr gut vor­be­rei­tet war. Es gab kei­nen Grund zur Be­sorg­nis. Den Aus­gang des Ma­ra­thons würde an die­sem Tag in der End­phase vor al­lem der Kopf be­stim­men. Und in die­ser Phase würde ich ihr hel­fen. Doch erst­mal muss­ten wir so­weit kom­men. Ich durfte das Tempo zu Be­ginn nicht zu schnell ge­stal­ten. In­so­fern war ich selbst auf­ge­reg­ter als bei Ren­nen, die ich für mich al­leine be­streite. Spä­tes­tens als Tinka mit den letz­ten Wor­ten ih­res Trai­ners auf den Lauf ein­ge­stimmt wurde, kehrte die ab­so­lute Ent­schlos­sen­heit in ihr Ge­sicht zu­rück. Kurt Sten­zel, der seine Er­fah­run­gen als über­aus er­folg­rei­cher Lang­stre­cken­läu­fer in den 1980er und 90er Jah­ren, im Ver­ein „Spi­ri­don Frank­furt“ wei­ter­gibt, gab ihr die letz­ten Hin­weise und be­tonte, dass Tinka ihr ei­ge­nes Ren­nen ma­chen und nicht auf die Kon­kur­renz schauen solle. „Das ist so leicht ge­sagt“, dachte ich mir. Aber es stimmt. Es ist so leicht ge­sche­hen, dass man die­sen An­fän­ger­feh­ler be­geht und in der ers­ten Hälfte da­von stürmt. Es ist so ver­füh­re­risch, mit der Masse zu schwim­men. Auch ich habe schon oft die­sen Feh­ler ge­macht. Heute war ich für die rich­tige Ge­schwin­dig­keit zu­stän­dig und durfte auf kei­nen Fall ein zu ho­hes Tempo vor­ge­ben. Wir ver­stän­dig­ten uns auf eine Ki­lo­me­ter­zeit von 3 Mi­nu­ten und 48 bis 50 Sekunden.

Auf dem Weg zur Start­li­nie strahlte uns der blaue Him­mel ent­ge­gen. Die Sonne strei­chelte die Haut an­ge­nehm, konnte eine leichte Gän­se­haut auf dem mit dem dün­nen Wett­kampf­tri­kot be­deck­ten Ober­kör­per nicht ver­hin­dern. Es war fast völ­lig wind­still: es wa­ren ein­fach per­fekte Wet­ter­be­din­gun­gen für ei­nen Ma­ra­thon. Fünf Mi­nu­ten vor dem Start stan­den Tinka und ich im Start­block, un­ge­fähr in der sechs­ten oder sie­ben­ten Reihe. Die Un­ruhe war plötz­lich wie­der da. Die Mi­nu­ten woll­ten ein­fach nicht ver­ge­hen. Alle tip­pel­ten mit den leich­ten Wett­kampf­schu­hen auf den Bo­den wie Pferde mit ih­ren Hu­fen. Ei­nige Läu­fe­rin­nen und Läu­fer  wünsch­ten sich ge­gen­sei­tig ein „Gu­tes Ren­nen“, an­dere ver­mie­den den Blick­kon­takt mit der Kon­kur­renz. Ich wollte Tinka für das Ren­nen be­stär­ken, doch wusste ich nicht, was ich sa­gen sollte. Ein „wir schaf­fen das“ rutschte mir wohl noch über die Lip­pen. Dann fiel end­lich der Start­schuss. Die Masse setzte sich in Be­we­gung. Vorne stürm­ten die Afri­ka­ner da­von. Das Große Feld folgte da­hin­ter. Wie in ei­nem gro­ßen Fluss schwam­men Tinka und ich mit. Ich ver­suchte das Tempo zu ver­min­dern. Das ist al­ler­dings gar nicht so ein­fach, ohne an­de­ren vor die Füße zu lau­fen. Und schon ka­men wir zu Ki­lo­me­ter 1. „3:39“ zeigte meine Uhr. Also 10 Se­kun­den zu schnell. Für den ers­ten Ki­lo­me­ter in die­ser Masse ok. Der zweite Ki­lo­me­ter musste jetzt aber pas­sen. Es war schwie­rig für mich den Rhyth­mus zu fin­den: mal ging es rechts mal links um die Ban­ken­hoch­häu­ser von Main­hät­ten. Zu Tinka fehlte noch der di­rekte Kon­takt, weil im­mer wie­der an­dere Läu­fer zwi­schen uns lie­fen, die uns über­hol­ten. Dann ka­men wir zu Ki­lo­me­ter zwei: „3:48“ – per­fekt. Auf dem Weg zu Ki­lo­me­ter drei fand ich den rich­ti­gen Rhyth­mus. Und ich fand auch den Kon­takt zu Tinka. Sie lief nun di­rekt oder leicht ver­setzt hin­ter mir. Ich ver­suchte stets die Ide­al­li­nie zu wäh­len, auch wenn dies nicht dem Stra­ßen­ver­lauf ent­sprach und be­deu­tete, aus dem Läu­fer­feld et­was aus­zu­sche­ren. Wir pas­sier­ten Ki­lo­me­ter drei: wie­der „3:48“ – wun­der­bar. So konnte es wei­ter­ge­hen. Ich ver­traute dar­auf, dass mein Kör­per nun das Tempo „an­ge­nom­men“ hatte. Hin­ter der nächs­ten Kurve tauchte der erste Schrift­zug auf der Straße auf: „TINKA“ stand dort in gro­ßen Let­tern mit Kreide ge­malt. Ich musste grin­sen und freute mich. Tinka hatte es wohl schon ent­deckt, be­vor ich sie dar­auf hin­wei­sen konnte. Auch sie freute sich. Spä­ter folg­ten im­mer wie­der tolle Schrift­züge zur An­feue­rung auf der Straße. Es wa­ren aber auch zahl­rei­che Rufe vom Stra­ßen­rand zu hö­ren. Ich bin mir si­cher: diese Mo­ti­va­ti­ons­fak­to­ren ma­chen ei­nen gro­ßen Un­ter­schied und tra­gen so­mit zu ei­nem er­folg­rei­chen Lauf bei.

Mit mei­nen Ge­dan­ken war ich schon wie­der bei der nächs­ten Zwi­schen­zei­ten bei Ki­lo­me­ter 4: „3:46“. Ich rief Tinka fast schon er­schro­cken zu: „zu schnell!“. Sie ent­geg­nete mir: „Nur zwei Se­kun­den!“. Doch ge­nau das wollte ich ver­hin­dern. Der Be­ginn des Ma­ra­thons, also die ers­ten 10 bis 15 Ki­lo­me­ter soll­ten eher zu lang­sam als zu schnell sein. Nun wa­ren wir zu­sam­men mit dem ers­ten Ki­lo­me­ter 12 Se­kun­den schnel­ler als die un­tere Zeit­grenze. Ich zog die Hand­bremse, nur ganz de­zent. Das zeigte Wir­kung: Ki­lo­me­ter fünf be­en­de­ten wir nach 3 Mi­nu­ten und 51 Se­kun­den. Das ent­spannte mich et­was. Doch ich wurde wie­der un­merk­lich schnel­ler. Die nächs­ten Ki­lo­me­ter­ab­schnitte durch­lie­fen wir zwi­schen 3:46 und 3:51 Mi­nu­ten. Bei der zehn Ki­lo­me­ter Marke ka­men wir nach ins­ge­samt 37:51 Mi­nu­ten durch. Al­les su­per. 9 Se­kun­den schnel­ler als geplant.

In­zwi­schen fuhr auch Na­ta­scha Schmitt auf dem Renn­rad in Sicht­weite mit. Sie durfte Tinka an den of­fi­zi­el­len Ver­pfle­gungs­punk­ten, die alle 5km auf­ge­baut wa­ren, ihre per­sön­li­che Trink­fla­sche rei­chen. Auf diese Weise war Tinka per­fekt ver­sorgt und konnte auf Zu­ruf so­gar zwi­schen Was­ser, Gel und Cola aus­wäh­len. Ein tol­ler Ser­vice, der nicht selbst­ver­ständ­lich ist: we­der die Ge­neh­mi­gung vom Ver­an­stal­ter, noch der Ein­satz von Na­ta­scha, die als Tri­ath­le­tin ihre wich­ti­gen Ein­hei­ten an Land und im Was­ser auf den Nach­mit­tag und Abend ver­schob. Nun ging es ge­fühlt bis zur ers­ten von zwei Main­über­que­run­gen bergab. Und tat­säch­lich: der nächste Ki­lo­me­ter war mit 3:41 Mi­nu­ten fast so ra­sant wie der al­ler erste. Da das aber nun dem Ge­fälle zu ver­dan­ken war, konn­ten wir den Zeit­bo­nus dan­kend an­neh­men. Nun musste ich aber wie­der Acht ge­ben, dass wir zum ge­plan­ten Tempo zu­rück­kehr­ten. Ge­rade nach 45 Mi­nu­ten ist der Kör­per auf je­der Ebene „Heiß­ge­lau­fen“. Beim Ma­ra­thon und län­ge­ren Dis­tan­zen muss man dann da­ge­gen steu­ern, auch wenn es schwer fällt. Und das tat es mir. Zu­gern wäre ich nun in mei­nem ei­ge­nen Renn­tempo ge­lau­fen. Ich fragte mich, was wohl bei die­sen per­fek­ten Be­din­gun­gen für mich mög­lich wäre. Könnte ich selbst um den Deut­schen Meis­ter­ti­tel mit­lau­fen? Ich über­legte wie sich das Ren­nen wohl vorne ge­stal­ten würde. Nun war ich sehr dank­bar da­für, dass ich Tinka’s Tem­po­ma­cher sein durfte. Das er­leich­terte mir den Um­stand, nicht an der DM teil­zu­neh­men. So hatte ich eine ganz be­son­dere Auf­gabe und die war span­nend ge­nug, so dass ich mit mei­nen Ge­dan­ken schnell wie­der bei un­se­rem Tempo war. Die Ki­lo­me­ter bis zur Halb­ma­ra­thon­marke wa­ren mit Zei­ten zwi­schen 3:46 und 3:50 Mi­nu­ten im Soll­be­reich. Es wehte ein ganz leich­ter Rü­cken­wind und so „se­gel­ten“ wir an der Hälfte der Stre­cke nach 1:19:38 Stun­den vor­bei. Die Zeit auf der gro­ßen Uhr der Zeit­nahme zu le­sen, sah fan­tas­tisch aus. Würde Tinka heute so­gar die 2:40-Stunden-Barriere durch­bre­chen. Daran wollte ich noch nicht den­ken. Mir war be­wusst, dass Tinka den Schlüs­sel­punkt bei km 30 über­ste­hen musste. Bis da­hin durf­ten wir auf kei­nen Fall zu schnell wer­den. Das klappte auch ganz gut: die nächs­ten drei Ki­lo­me­ter lie­fen wir alle in 3:48 Mi­nu­ten. Nun be­fan­den wir uns wie­der auf der nörd­li­chen Main­seite. Von der gro­ßen Brü­cke der Bun­des­straße konn­ten wir hin­un­ter Rich­tung Frankfurt-Höchst in 3:43 Mi­nu­ten rol­len. Nach ei­ner Ver­pfle­gungs­sta­tion und ei­nem Ki­lo­me­ter in 3:49 Mi­nu­ten ging es dann lei­der wie­der et­was hoch. Nun bremste Tinka mich das erste Mal et­was. Hatte ich den An­stieg falsch ein­ge­schätzt? Den höchs­ten Punkt und da­mit den Ki­lo­me­ter 27 er­reich­ten wir nach 3:54 Mi­nu­ten. Tinka schien an­ge­strengt zu sein. Fühl­ten sich ihre Beine schon schwe­rer als er­war­tet an? Hatte sie Pro­bleme mit dem Ma­gen? Ich wusste es nicht. Auf dem nächs­ten Ki­lo­me­ter konnte sie sich in je­dem Falle er­ho­len, wenn mein Ge­fühl über­haupt stimmte. Was zu­vor nach oben ge­lau­fen wurde, ging nun wie­der bergab. In 3:47 hat­ten wir nun wie­der Kurs auf die In­nen­stadt ge­nom­men. Kurt rief Tinka zu, dass sie lo­cker blei­ben solle. Sie wäre su­per un­ter­wegs. Er fuhr auf dem Rad am Stra­ßen­rand ei­nige Me­ter. Bei Ki­lo­me­ter 25 hatte er uns das erste Mal schon an­ge­feu­ert. Tinka war in der Tat su­per un­ter­wegs. Sie lag der­zeit auf Platz vier der DM-Wertung. Eine an­dere Frau war hin­ter uns weit und breit nicht zu se­hen. Würde vorne eine Frau Pro­bleme be­kom­men, dann könnte sich der Me­dail­len­traum so­gar er­fül­len. Dazu durfte Tinka selbst keine be­kom­men. So dachte ich ein­fach an die neue Best­zeit. Die war sehr real und ich war mir zu die­sem Zeit­punkt sehr si­cher, dass Tinka diese er­rei­chen würde. Ki­lo­me­ter 29 er­reich­ten wir nach wei­te­ren 3:50 Mi­nu­ten. Ich mo­ti­vierte Tinka mit der Aus­sicht auf die neue Best­zeit. Sie musste jetzt stark sein und ver­su­chen die Schritt­länge wie auch die Schritt­fre­quenz zu hal­ten, um das Tempo zu hal­ten. Es ging nun auf die lange Ge­rade: die Main­zer Land­straße. Die nächs­ten bei­den Ki­lo­me­ter wa­ren iden­tisch von der Dauer. Je­weils 3:52 Mi­nu­ten. Eine Ver­pfle­gungs­zone war auch wie­der da­bei. Nun ver­suchte sich Tinka mit Cola zu pus­hen. Der Kör­per muss sich daran ge­wöh­nen, dass der Stoff­wech­sel keine ge­spei­cher­ten Koh­len­hy­drate mehr zur Ver­fü­gung hat. Das ist be­son­ders hart für den Kopf. Der freut sich dann über den Zu­cker in der Cola. Bei mir selbst lief es sehr gut. Ich trank alle 5km ein paar Schlu­cke mei­nes Wett­kampf­ge­trän­kes, das ich auch in Doha bei der WM zu mir neh­men wollte. Vi­targo heißt es und ist ein sehr lang­ket­ti­ges Koh­len­hy­drat, das vom Kör­per über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum gleich­mä­ßi­ger als Cola auf­ge­nom­men wird. Für mich war die En­er­gie­ver­sor­gung in die­sem Tempo und bei die­ser Dis­tanz kein li­mi­tie­ren­der Fak­tor. Ich musste eher dar­auf ach­ten, dass meine Schritte nicht zu klein wur­den und ich da­bei ver­krampfte. In­tui­tiv nahm ich näm­lich die Schritt­länge von Tinka an. So wa­ren wir im sel­ben Rhyth­mus un­ter­wegs. Ich hoffte, dass ihr das hel­fen würde, des­halb kämpfte ich nicht da­ge­gen an.

Nun wa­ren es noch 10km bis zum Ziel, den letz­ten Ki­lo­me­ter hat­ten wir in 3:54 Mi­nu­ten ab­sol­viert. Das ist eine ver­dammt lange Stre­cke bis zum Ziel, wenn man kämp­fen muss. Und das musste Tinka nun. Da gab es kei­nen Zwei­fel. Es stand eine neue Best­zeit in Aus­sicht und so lohnte sich das kämp­fen. Ich re­dete Tinka im­mer wie­der gut zu. Auch Kurt war in der Nähe und mo­ti­vierte Tinka. Die nächs­ten bei­den Ki­lo­me­ter leg­ten wir in je­weils 3:56 Mi­nu­ten zu­rück. Da­mit war klar, dass die 2:40-Marke heute nicht un­ter­bo­ten wer­den würde. Tinka war den­noch da­bei et­was tol­les zu schaf­fen. Sie hatte trotz ei­ni­ger Hin­der­nisse das ganze Jahr über viel trai­niert. Sie hatte sich für ei­nen Ma­ra­thon im Herbst ent­schie­den und hatte sich nicht von ih­rem Weg ab­brin­gen las­sen, auch wenn nicht im­mer al­les Plan ver­lief. Ne­ben ih­rer Ar­beit ist das eine gran­diose Leis­tung. Nun war sie da­bei das Happy-End des sport­li­chen Jah­res zu ver­wirk­li­chen. Der Ki­lo­me­ter 35 war nach 3:54 Mi­nu­ten ab­ge­schlos­sen. Für den Kopf gab es wie­der ei­nen Schluck Cola. Nun war auch die end­los schei­nende Main­zer Land­straße ge­schafft. Nun ging es durch das „Europa-Viertel“ auf die Fest­halle zu. Nur lei­der von der fal­schen Seite. Wir er­reich­ten Ki­lo­me­ter 36 nach wei­te­ren 3:54 Mi­nu­ten. Der erste Tief­punkt war über­stan­den. Ich hatte das Ge­fühl, dass Tinka nun wie­der et­was bes­ser „rollte“. Wir wa­ren nun wie­der zwi­schen den Wol­ken­krat­zern un­ter­wegs. Im­mer wie­der ka­men Wind­böen von vorne. Ich ver­suchte mich also groß zu ma­chen, um Tinka mög­lichst gro­ßen Wind­schat­ten zu bie­ten. Gleich­zei­tig trieb ich sie an, nicht nach­zu­las­sen. Und es klappte. Die nächs­ten zwei Ki­lo­me­ter wa­ren wir ganz kon­stant mit 3:56 Mi­nu­ten pro Ki­lo­me­ter un­ter­wegs. Ich wusste, dass Tinka nun al­les gab. Da war es toll, dass sie im­mer wie­der von al­len Sei­ten aus an­ge­feu­ert würde. Und das galt nicht nur für die­sen Stre­cken­ab­schnitt. Ich merkte deut­lich, dass Tinkahier zu hause war. Und bald wa­ren wir wirk­lich „zu hause“. Die Plat­zie­rung war ge­rade völ­lig egal. Wir hat­ten Ki­lo­me­ter 39 nach 3:58 Mi­nu­ten ab­ge­hakt. Es ging nun wie­der zu­rück Rich­tung Fest­halle, Rich­tung Ziel. Wir sam­mel­ten nun ver­stärkt an­dere Läu­fer ein und muss­ten nur noch das un­ebene Pflas­ter im Zen­trum vor uns. Ki­lo­me­ter 40 be­en­de­ten wir nach 3:58 Mi­nu­ten. Dann ging es wie­der auf den Asphalt. Nur noch eine Kurve, nur noch ein Ki­lo­me­ter dann durf­ten wir in die Fest­halle ein­lau­fen. Auf die Uhr schaute ich nun nicht mehr.

Zum Freuen war es noch zu früh. Noch war es nicht so weit. Ich war to­tal auf­ge­regt. Wir soll­ten es wirk­lich schaf­fen. Tinka würde den Ma­ra­thon mit neuer Best­zeit be­en­den. Ich war ge­rührt. Wir wa­ren den gan­zen Ma­ra­thon zu­sam­men ge­lau­fen. Das habe ich so zu­vor noch nie er­lebt. Ich konnte Tinka zwar hel­fen, aber ich nahm ge­nauso auch An­teil an dem Kampf ge­gen sich selbst und ge­gen die Schwere der Beine. Das be­rührte mich tief. Bei ei­nem selbst nimmt man das ganz an­ders war. Im Nach­hin­ein nimmt man diese ganz be­son­de­ren Schmer­zen ganz an­ders war. Doch in die­sem Fall war ich die ganze Zeit da­bei. Viel­leicht ist es von au­ßen be­trach­tet so­gar schmerz­vol­ler. Wir wa­ren nun prak­tisch auf der Ziel­ge­ra­den und da fing bei mir die Last ab­zu­fal­len, die ich mit ei­ner ge­wis­sen Ver­ant­wor­tung trug. Tinka kämpfte um je­den Me­ter und um jede Se­kunde. Wir lie­fen zu­sam­men in die dunkle Fest­halle ein. Tinka wurde vom Spre­cher an­ge­kün­digt. Die Zu­schauer ju­bel­ten. Ich ließ Tinka den Vor­tritt. Der Ap­plaus ge­bührte ihr. Sie hätte diese Leis­tung auch ohne mich ge­schafft. Da bin ich mir ganz si­cher. Es wäre viel­leicht et­was här­ter ge­we­sen oder der Weg hätte ge­fühlt et­was län­ger ge­dau­ert. Ich habe als Tem­po­ma­cher zwar eine ge­wisse Si­cher­heit er­zeugt, doch Tinka hatte be­reits mit dem Trai­ning zu­vor be­stimmt, ob sie die Best­leis­tung schaf­fen würde oder nicht. Und sie hat es ge­schafft. Nach 2 Stun­den 41 Mi­nu­ten und 35 Se­kun­den über­querte sie die Ziel­li­nie. Sie be­legte den vier­ten Platz der DM-Wertung und ge­wann den Ti­tel der Hes­si­schen Meis­te­rin. Doch das Beste aus mei­ner Sicht: sie konnte ihr ge­setz­tes Ziel er­folg­reich er­rei­chen. Die neue Best­zeit steht in mei­nen Au­gen nur sym­bo­lisch da­für, wel­che po­si­ti­ven Emo­tio­nen ei­nen nach ei­nem Ma­ra­thon durch­strö­men. Bei Tinkawa­ren das in die­sem Fall über­wäl­ti­gende, po­si­tive Emo­tio­nen: die pure Eu­pho­rie. Und da ich mit­ge­lit­ten habe wurde ich nun auch mit die­sen Emo­tio­nen über­schüt­tet. Das ist so wahn­sin­nig toll. Die Emo­tio­nen sieht man auf den Fo­tos hin­ter der Ziel­li­nie sehr deut­lich. Den­noch sind sie nur ein Hauch des­sen, was ich in die­ser Eu­pho­rie ge­fühlt habe. Das ist ein wah­res Feu­er­werk. Und da­für möchte ich Tinka dan­ken. Sie hat mir ihr Ver­trauen ge­schenkt, wir ha­ben ge­mein­sam ge­lit­ten und am Ende wur­den wir beide reich be­lohnt. Und diese Be­loh­nung ist so wert­voll, dass man sie für mich nicht mit Geld auf­wie­gen kann.

Tinka ist eine groß­ar­tige Läu­fe­rin, sie ge­hört zu den bes­ten Ma­ra­thon­läu­fe­rin­nen Deutsch­lands. Ich wün­sche ihr wei­tere tolle Ma­ra­tho­n­er­leb­nise die­ser Art. Sie war nä­her an der Me­daille dran als der zeit­li­che Ab­stand dies zum An­schein hat. Wenn Tinka die Ge­duld auf­bringt und sich den Traum er­fül­len möchte, dann wird die­ser Tag auch kom­men. Zu­gleich ist Tinka je­doch vol­ler Lei­den­schaft für das Lau­fen und ich wün­sche ihr, dass sie diese Lei­den­schaft für ihr gan­zes Le­ben be­wahrt. Sie be­herrscht die Kunst, die Freude, die ihre Lei­den­schaft beim Lau­fen er­zeugt, an an­dere wei­ter­zu­ge­ben und mit ih­nen zu tei­len. Auf diese Weise ver­viel­facht sich die Freude. Ich habe es er­lebt und bin sehr dank­bar dafür.